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Physiotherapie Nyffeler stellt Ihnen gerne fundiertes Fachwissen zur Verfügung!

RGZ-Stiftung: Interne Weiterbildung
Effizienzsteigerung in der Rehabilitation: Koordinationstherapie
Mit Giselher Schalow, Thomas und Domenica Nyffeler

Zusammenfassung von Thomas Nyffeler, dipl. Physiotherapeut, ehemaliges Mitglied des
Zentralvorstandes SPV, Bahnhofstrasse 1, 6312 Steinhausen.
Tel. 041 741 11 42. Tel. International 0041 41 741 11 42.


Jetzt die wichtigsten Punkte der Ausführungen von Dr. Giselher Schalow.

Nehmen Sie sich einige Minuten, um das folgende zu erfassen:

Vier neue Entwicklungen prägen jetzt die Neurowissenschaften:

  • Neuronale Netzwerke organisieren sich selbst.

    Diese Selbstorganisation ist veränderbar. Die Neurone sind also nicht fest verschaltet. Es besteht eine viel größere Plastizität als bisher angenommen. Bereits dieses neue Verständnis hat direkte Konsequenz bei der Neurorehabilitation.

  • Wissenschaftliche Messungen direkt im menschlichen Nervensystem zeigten:

    Motoneurone feuern bei hoher Erregung rhythmisch. Aktiviert werden sie durch afferente Impulsmuster der Peripherie und/oder solche der dezendierenden Bahnen. Das Nervensystem wird somit auf unterster Stufe durch Rhythmizität geprägt. Beziehungen von Netzwerkteilen kommen durch koordinierte Rhythmuskoppelungen zustande: Durch relative Frequenz- und Phasenkoordination.

  • Wissenschaftliche Studien von Physiologen am verletzten ZNS bei Tier und Mensch zeigen:

    Regenerative Prozesse, einschließlich Neubildung von Nervenzellen (Neurogenese) werden induziert und gesteuert durch koordinierte rhythmische Lernprozesse. Ebenso deren funktionelle Proliferation: Aus den heranreifenden multiplen Stammzellen bilden sich Neurite und Axone aus und wachsen in den Gesamtorganismus aus.

  • Es gibt neben der lokalen eine zweite distributive Funktionsmöglichkeit des menschlichen ZNS:

    Das integrative Lernen, Speichern und Abrufen von Netzwerkzuständen. Und deren Einsatz bei der Reorganisation des verletzten ZNS. Wenn also z. B. das Sprachzentrum geschädigt ist und ein Verlust der Muttersprache besteht, können unter Umständen später erlernte und in anderen Hirnarealen abgespeicherte Fremdsprachen vom Patienten aktiviert werden.

Weiter behandelte man die Frage, welche Voraussetzungen für ein Umsetzen dieser Erkenntnisse erfüllt sein müssen:

Äußerst wichtig ist die Genauigkeit der Koordination während der Therapie. Nur so können funktionell getrennte Netzwerkteile wieder verbunden und nicht bewegliche Gliedmaßen wieder an die Gesamtbewegung angekoppelt werden.

Die Integrativität bei der Koordinationstherapie muss möglichst hoch sein. Dann werden möglichst viele Frequenz- und Phasenkoordinationen gleichzeitig trainiert. Somit möglichst viele Teilfunktionen (Teilnetzwerkzustände) gleichzeitig aktiviert, trainiert und koordiniert. Und es werden auch die sehr integrativen Funktionen wie die höheren geistigen Funktionen verbessert.

Der physiologische bewegungsinduzierte reafferente Input muss maßgeblich erhöht werden. Dies dient der Stärkung der physiologischen Selbstorganisation der verletzten neuronalen Netzwerke und deren Kommunikation durch Regelprozesse.

Die Intensität der Therapie muss hoch sein. Da die "adaptive Maschine" ZNS sich nur anpasst, wenn sie gefordert wird.

Für die Umsetzung in die Praxis bedeutet dies:

  • Benötigt werden Therapiegeräte, die auf wenige Millisekunden genau Frequenz und Phasenkoordination vorgeben (Oszillatorformation).
  • Benutzen Sie Automatismen und alteingelernte Bewegungsmuster, die durch die Verletzung nur wenig in ihrer Funktion verändert sind (z. B. Rennen, Gehen, Tennisspielen). Bobath und Vojta sprachen hier von Stellautomatismen.

Benutzen Sie Automatismen und alteingelernte Bewegungsmuster, die durch die Verletzung nur wenig in ihrer Funktion verändert sind (z. B. Rennen, Gehen, Tennisspielen). Bobath und Vojta sprachen hier von Stellautomatismen.


Soweit der kurze inhaltliche Überblick dieser Tagung.

Für mich interessant war folgendes:

Spastik kann beseitigt werden durch Änderung des Attraktorzustandes. Wenn der Attraktorzustand "Gehen" gestärkt wird, wird der Attraktorzustand "Spastizität" (z.B. Extensorspastizität) gleichzeitig geschwächt. Die Spastizität reduziert sich gleichzeitig.

Das Lösen oder Reduzieren der Spastizität im Kurzzeitgedächtnis wurde bei den physiologischen Bewegungen Gehen, Rennen, Springen auf dem Sprungbrett, Kriechen und Robben oder auf dem Laufband gezeigt. Die Effizienzsteigerung wird auf dem Koordinationsinstrument demonstriert.

Erinnern Sie sich an das im Videofilm gezeigte Modell der amerikanischen Forscher? Sie vergleichen Attraktorzustände mit Bällen, die in Löcher fallen. Spastizität kann ein falsches zweites Loch sein, das durch Repetition ausgeglättet werden kann.

Und an die Frage einer Teilnehmerin, die am liebsten (wie wir alle) den Ball nicht in das zweite Loch fallen lassen würde. Die Amerikaner haben absichtlich ein zweidimensionales Modell gewählt, um zu zeigen, dass man um das falsche Loch nicht herum kann. Aber zunehmende Repetition in der exakten (millisekundengenauen) physiologischen Führung glättet es aus. Während der Praxis wurde auch (ohne Beschönigung) aufgezeigt, dass sich der Attraktorzustand Spastizität vorübergehend verschlechtern kann (zum Glück nicht immer).

Die angewöhnte unphysiologische innere Koordination wird nämlich erschüttert. Sie versucht sich zuerst an der gewohnten Nichtphysiologie festzuhalten. Erst massive Repetition der physiologischen Muster bringt den gewünschten Erfolg. Versuchen Sie als Gesunde z.B. vom Zweifinger-"Adler"-Maschinenschreiben auf das Zehnfingersystem zu wechseln, produzieren sie zunächst gar nichts mehr. Bis es immer besser geht.

Oder wechseln Sie als Gesunde von einer Zweifronten-Küche in eine U-Küche: Jahrelang haben Sie leere Gläser aus dem Schrank genommen, sich 180 Grad gedreht und es neben dem Spülbecken abgestellt. In der ersten Nacht in der neuen Wohnung läuft Ihr Automatismus genauso: Im letzten Moment stellen Sie erschreckt fest, dass gar keine Spüle mehr da ist und Sie zwei Schritte ins Leere machen mussten, um den Automatismus abzustoppen.

Mit den Koordinationsinstrumenten kann der Organisationsgrad des Zentralnervensystems direkt während der Therapie ausgemessen und sogar graphisch verfolgt werden.

Am Oszillografen wurde an der Tagung über eine indirekte Ableitung über Muskel und Haut oberflächenelektromyografisch dargestellt, dass die postulierten Rhythmen des Nervensystems tatsächlich existieren. Es wurde elektromyografisch gezeigt, dass während des Drehens auf dem Koordinationskinetik-Instrument sich physiologisch motorische Aktivierungsprogramme von Muskeln verbesserten und die Spastik abnahm. Es konnte somit auf die für Probanden schmerzhaften Nadelstiche verzichtet werden. Im Videofilm konnten Originalaufnahmen einer speziellen Messtechnik beobachtet werden:

Gleichzeitig laufen natürliche Impulsmuster hinein ins Rückenmark und efferente Aktionspotenziale wieder heraus (es werden also Regelprozess und Organisationszustand ausgemessen). Subnetzwerke verändern sich 1. rhythmisch und 2. verändert sich Frequenz- und Phasenkoordination nach Rückenmarkverletzungen. Die beiden letztgenannten Punkte begründen somit in Ihrer Praxis die Erhöhung der Effizienzrate. Versuchen Sie, in die neue Therapie Ihr bisheriges Können einzubauen. Sie werden bei der Rehabilitation in Zukunft noch mehr Erfolg haben!

Ich danke der RGZ-Stiftung und Frau S. Akhbari Ziegler und allen Beteiligten, die diesen Anlass ermöglicht haben. Thomas Nyffeler