
RGZ-Stiftung: Interne Weiterbildung
Effizienzsteigerung in der Rehabilitation: Koordinationsdynamik-Therapie
Mit Giselher Schalow, Thomas und Sonja Giger, Thomas und Domenica Nyffeler
Zusammenfassung von Thomas Nyffeler, dipl. Physiotherapeut, ehemaliges Mitglied des
Zentralvorstandes SPV, Bahnhofstrasse 1, 6312 Steinhausen.
Tel. 041 741 11 42. Tel. International 0041 41 741 11 42.
Als junger Physiotherapeut erkennt man rasch die Grenzen des Gelernten. Wie Sie beschäftigte ich mich mit erkrankten Gelenken, Rückenschmerzen, Muskelerkrankungen, Schlaganfällen, Lähmungen und Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Um die Effizienz bisheriger Therapien zu steigern und auf der ständigen Suche nach Neuem entdeckte ich die GIGER MD Geräte.
Herr Giger ist Ingenieur und leitete als Direktor 20 Jahre die mit über 100 Personen besetzte Entwicklungsabteilung der ETA SA in Grenchen. Dort wurde die flachste Golduhr der Welt entwickelt und daraus das Projekt "Swatch" realisiert. Die GIGER MD Geräte erfand er für erkrankte Angehörige seiner Familie.
Sie sind für PhysiotherapeutInnen gedacht. Der alte Tarifvertrag setzte aber Grenzen. Zuerst musste der Tarifvertrag erweitert werden. Mit dem neuen Tarifvertrag kann jetzt endlich diejenige Therapie appliziert werden, die am wirksamsten ist.
Weiter suchte ich aufgrund seiner Publikationen in der Zeitschrift "Physiotherapie" den Kontakt zu Dr. Giselher Schalow. Herr Schalow hat als Forscher und ursprünglicher Tierphysiologe (Dr. med. habil., Dr. rer. nat., Dipl. Ing., Autor von Fachartikeln im "Journal of Physiology und Nature", Post-doc at the Department of Biophysis of Sir Bernhard Katz (Nobelpreisträger für seine Arbeiten über die motorischen Endplatten, also neuromuskulärer Koppelung) University College London, Gower Street) Messungen am lebenden menschlichen Rückenmark vorgenommen.
Er hat festgestellt, dass das Zentralnervensystem Rhythmen produziert, die für den Aufbau von Körperbewegungen verantwortlich sind. Und dass diese durch Körperbewegung veränderbar sind. Dass das Nervensystem selbstlernend ist und viel mehr Bewegungen direkt im Rückenmark abgespeichert und automatisiert werden als bisher angenommen. Weiter, dass bei Anwendung von effizienten Therapien im menschlichen Rückenmark neue Nervenzellen gebildet werden. Dass im Gehirn auch bei über 80-jährigen noch neue Nervenzellen gebildet werden, wurde in der November Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Medicine 4, 1313-1317 (1998) beschrieben und bedeutet Abschied von einem alten Dogma.
Es ist selten, dass in der Medizin funktionierende wissenschaftliche Therapien aus physikalischen Messungen und mathematischen Formeln abgeleitet werden können. Man muss sich mit Einzelfallstudien begnügen. Üblicherweise führt man sonst, wie es sich Mediziner gewohnt sind und falls das Geld da ist, Doppelblindstudien durch. Dass dazu unabhängig voneinander funktionierende therapeutische Instrumente entwickelt wurden, grenzt an ein Wunder. Und dass ein Berufsverband gleichzeitig die politischen Hindernisse beseitigt, die eine Therapieanwendung verunmöglichen würden, ist schlichtweg Fügung.
Als Praktiker habe ich erlebt, wie hirn- oder rückenmarkgeschädigte Kinder in kurzer Zeit Fortschritte erzielen, die Bisheriges übertreffen. Bei Ihnen werden nicht nur Reparatur- und Regenerations-, sondern auch Entwicklungsmechanismen ausgelöst. Erwachsene profitieren von der Reparatur- und Regenerationsfähigkeit des Körpers. Sie erleben beim Anwenden über längere Zeit eine Besserung. Vor allem, wenn es bisher umgekehrt war. Tetra- oder Paraplegiker mit teilweiser Rückenmarksschädigung können innert 1- 2 Jahren wieder eine praktisch normale Gehfähigkeit erlangen.
Zum Stillstand gekommene Multiple Sklerose (MS) kann durch Reorganisation des Zentralnervensystems und weiteres verbesserbar sein, falls neue Schübe den Gewinn an Funktion nicht wieder vernichten. Diabetiker benötigen weniger Insulin, Wirbelsäulenverbiegungen (Skoliosen) werden stark verbessert, nach Schlaganfällen gewinnt man verlorengegangene Funktionen wieder usw.
Nehmen Sie sich einige Minuten, um das folgende zu erfassen:
Vier neue Entwicklungen prägen jetzt die Neurowissenschaften:
Neuronale Netzwerke organisieren sich selbst.
Diese Selbstorganisation ist veränderbar. Die Neurone sind also nicht fest verschaltet. Es besteht eine viel grössere Plastizität als bisher angenommen. Bereits dieses neue Verständnis hat direkte Konsequenz bei der Neurorehabilitation.
Wissenschaftliche Messungen direkt im menschlichen Nervensystem zeigten:
Motoneurone feuern bei hoher Erregung rhythmisch. Aktiviert werden sie durch afferente Impulsmuster der Peripherie und/oder solche der dezendierenden Bahnen. Das Nervensystem wird somit auf unterster Stufe durch Rhythmizität geprägt. Beziehungen von Netzwerkteilen kommen durch koordinierte Rhythmuskoppelungen zustande: Durch relative Frequenz- und Phasenkoordination.
Wissenschaftliche Studien von Physiologen am verletzten ZNS bei Tier und Mensch zeigen:
Regenerative Prozesse, einschliesslich Neubildung von Nervenzellen (Neurogenese) werden induziert und gesteuert durch koordinierte rhythmische Lernprozesse. Ebenso deren funktionelle Proliferation: Aus den heranreifenden multiplen Stammzellen bilden sich Neurite und Axone aus und wachsen in den Gesamtorganismus aus.
Es gibt neben der lokalen eine zweite distriputive Funktionsmöglichkeit des menschlichen ZNS:
Das integrative Lernen, Speichern und Abrufen von Netzwerkzuständen. Und deren Einsatz bei der Reorganisation des verletzten ZNS. Wenn also z. B. das Sprachzentrum geschädigt ist und ein Verlust der Muttersprache besteht, können unter Umständen später erlernte und in anderen Hirnarealen abgespeicherte Fremdsprachen vom Patienten aktiviert werden.
Äusserst wichtig ist die Genauigkeit der Koordination während der Therapie. Nur so können funktionell getrennte Netzwerkteile wieder verbunden und nicht bewegliche Gliedmassen wieder an die Gesamtbewegung angekoppelt werden.
Die Integrativität bei der Koordinationsdynamik-Therapie muss möglichst hoch sein. Dann werden möglichst viele Frequenz- und Phasenkoordinationen gleichzeitig trainiert. Somit möglichst viele Teilfunktionen (Teilnetzwerkzustände) gleichzeitig aktiviert, trainiert und koordiniert. Und es werden auch die sehr integrativen Funktionen wie die höheren geistigen Funktionen verbessert.
Der physiologische bewegungsinduzierte reafferente Input muss massgeblich erhöht werden. Dies dient der Stärkung der physiologischen Selbstorganisiation der verletzten neuronalen Netzwerke und deren Kommunikation durch Regelprozesse.
Die Intensität der Therapie muss hoch sein. Da die "adaptive Maschine" ZNS sich nur anpasst, wenn sie gefordert wird.
Benutzen Sie Automatismen und alteingelernte Bewegungsmuster, die durch die Verletzung nur wenig in ihrer Funktion verändert sind (z. B. Rennen, Gehen, Tennisspielen). Bobath und Vojta sprachen hier von Stellautomatismen.
Für mich interessant war folgendes:
Spastik kann beseitigt werden durch änderung des Attraktorzustandes. Wenn der Attraktorzustand "Gehen" gestärkt wird, wird der Attraktorzustand "Spastizität" (z.B. Extensorspastizität) gleichzeitig geschwächt. Die Spastizität reduziert sich gleichzeitig.
Das Lösen oder Reduzieren der Spastizität im Kurzzeitgedächtnis wurde bei den physiologischen Bewegungen Gehen, Rennen, Springen auf dem Sprungbrett, Kriechen und Robben oder auf dem Laufband gezeigt. Die Effizienzsteigerung auf dem Koordinationsdynamikgerät Giger MD demonstriert.
Erinnern Sie sich an das im Videofilm gezeigte Modell der amerikanischen Forscher? Sie vergleichen Attraktorzustände mit Bällen, die in Löcher fallen. Spastizität kann ein falsches zweites Loch sein, das durch Repetition ausgeglättet werden kann.
Und an die Frage einer Teilnehmerin, die am liebsten (wie wir alle) den Ball nicht in das zweite Loch fallen lassen würde. Die Amerikaner haben absichtlich ein zweidimensionales Modell gewählt, um zu zeigen, dass man um das falsche Loch nicht herum kann. Aber zunehmende Repetition in der exakten (millisekundengenauen) physiologischen Führung glättet es aus. Während der Praxis wurde auch (ohne Beschönigung) aufgezeigt, dass sich der Attraktorzustand Spastizität vorübergehend verschlechtern kann (zum Glück nicht immer).
Die angewöhnte unphysiologische innere Koordinationsdynamik wird nämlich erschüttert. Sie versucht sich zuerst an der gewohnten Nichtphysiologie festzuhalten. Erst massive Repetition der physiologischen Muster bringt den gewünschten Erfolg. Versuchen Sie als Gesunde z.B. vom Zweifinger-"Adler"-Maschinenschreiben auf das Zehnfingersystem zu wechseln, produzieren sie zunächst gar nichts mehr. Bis es immer besser geht.
Oder wechseln Sie als Gesunde von einer Zweifronten-Küche in eine U-Küche: Jahrelang haben Sie leere Gläser aus dem Schrank genommen, sich 180 Grad gedreht und es neben dem Spülbecken abgestellt. In der ersten Nacht in der neuen Wohnung läuft Ihr Automatismus genauso: Im letzten Moment stellen Sie erschreckt fest, dass gar keine Spüle mehr da ist und Sie zwei Schritte ins Leere machen mussten, um den Automatismus abzustoppen.
Mit den Giger MD Geräten kann der Organisationsgrad des Zentralnervensystems (Koordinationsdynamik) direkt während der Therapie ausgemessen und sogar graphisch verfolgt werden.
Am Oszillographen wurde an der Tagung über eine indirekte Ableitung über Muskel und Haut oberflächenelektromyographisch dargestellt, dass die postulierten Rhythmen des Nervensystems tatsächlich existieren. Es wurde elektromyographisch gezeigt, dass während des Drehens auf dem Giger MD Gerät sich physiologisch motorische Aktivierungsprogramme von Muskeln verbesserten und die Spastik abnahm. Es konnte somit auf die für Probanden schmerzhaften Nadelstiche verzichtet werden. Im Videofilm konnten Originalaufnahmen einer speziellen Messtechnik beobachtet werden:
Gleichzeitig laufen natürliche Impulsmuster hinein ins Rückenmark und efferente Aktionspotentiale wieder heraus (Es werden also Regelprozess und Organisationszustand ausgemessen). Subnetzwerke verändern sich 1. rhythmisch und 2. verändert sich Frequenz- und Phasenkoordination nach Rückenmarkverletzungen. Die beiden letztgenannten Punkte begründen somit in Ihrer Praxis die Erhöhung der Effizienzrate. Versuchen Sie, in die neue Therapie Ihr bisheriges Können einzubauen. Sie werden bei der Rehabilitation in Zukunft noch mehr Erfolg haben!
Ich danke der RGZ-Stiftung und Frau S. Akhbari Ziegler und allen Beteiligten, die diesen Anlass ermöglicht haben. Thomas Nyffeler